Auf der Autobahn wieder und die Morgensonne lindert den Lärm, die Müdigkeit, spinnt sich über den Asphalt, die Landschaft, den Benzingeruch. Einen Moment die Augen zumachen wie eine Katze und das Fell wärmen. Ein bisschen Licht ist gleich wie Freiheit. Dann ein Überholmanöver. Rechts ein Lastwagen mit Bretterverschlag, mehrere Schichten Tiere. Durch die Ritzen helle Schweinekörper und in der Morgensonne schimmern die blonden Borsten. Die goldenen Reflexe haben etwas Rührendes, himmelschreiend Schönes. Kurz wird mir flau und ich habe wieder mal diesen Impuls: Vegetarier werden!
Borsten, Morgengold
Februar 8, 2010 von helgasperlingDostojewskiparade
Februar 6, 2010 von helgasperlingIm Radio Tschaikowsky, das habe ich doch zum letzten Mal mit dieser magersüchtigen Geigenstudentin gehört. Als ich mit einer Reihe Rentner im Gratis-Konzert in der Hanns-Eisler-Akademie saß, unter dem DDR-architektonischen Saalhimmel, und der Violinklasse lauschte. Der Reihe nach also die Geigen-Ohrwürmer, begleitet von Pianoprofessorinnen in wehenden Blusen. Und alle Studenten auf ihre Weise akribisch, hoch besorgt, ehrgeizzerfressen, bulimisch, ihrem Instrument verfeindet, zähneknirschend. Abgemagert, comichaft schwarz und lang und gebogen. Nur ein kleines Mädchen spielte Haydn ohne Selbstzertstörung und gleich im Kleinkindalter zerübte Musikalität, es hörte den Tönen zu, sah dabei zur Decke und es waren überhaupt auch Töne und nicht dieses Gespenstische, das aus den Geigen der anderen kam. Nur bei näherem Hinsehen war es kein kleines Mädchen, sondern hatte sich nur gekleidet wie Alice im Wunderland, weiße Strümpfchen, schwarze Schuhchen, Kittelkleid, eine niedliche Sache. Also auch ein Gespenst.
Dann noch ein Versuch, die Celloklasse. Und wieder so: Pathologie, Dostojewski, ein Prinz Myschkin, der seinem Instrument hilflos ausgeliefert ist, riesenhaft und grob und liebenswürdig aber kein Ton gelingt ihm und er macht die Augen zu und wiegt den Kopf hin und her, wie das Cellisten im youtube-Film machen, dann ein anderer, der mit der blitzblank geputzten Maschinenpistole seiner Virtuosität Parade läuft und nur einmal vergisst durchzuladen und plötzlich spielt er sich in einen Abgrund, so traurig, und schließlich immerhin noch ein zukünftiger braver Orchesterbeamter, nichts dagegen zu sagen aber schnell wieder raus in den Schnee, das Stadtschloss steht noch nicht, statt dessen Parkbänke, aus denen es summt, irgendeine Klanginstallation, da atmet man gleich auf. Alles ist gut, wenn Parkbänke tirilieren.
Herr Karahasan erzählt einen Witz
Februar 5, 2010 von helgasperlingAlso am 4. Februar nach einer Portion Grillforelle mit Nora zu einer Lesung. In der S-Bahn erzählt sie mir eine Begegnung mit der Securitate damals, in einem menschenleeren Zugabteil mitten in der Nacht, einen Gewehrkolben im Nacken und eine Morddrohung. Aber der Zug fuhr weiter, die Sonne ging schließlich auf und sie sah die Berge: Kärnten. Und die Schönheit der Berge heilte die Angst fast vollständig wieder aus.
Wir steigen aus der S-Bahn, rutschen über die EIsschichten am Checkpoint Charly, sie hat es gut, ihre Stiefel sind rumänische Qualitätsarbeit aus Iasi, sie kann durch die Pfützen gehen, ohne um ihre Socken zu fürchten. Natürlich sind wir zu spät dran. Frau Özdamar liest schon, Herr Karahasan hört zu. Später erzählt er einen Witz, vielleicht werde ich wenigstens diesen nicht vergessen. Da ich kein Interesse an Pointen habe, vergesse ich Witze meistens sofort, anchdem ich sie gehört habe. Dieser aber ging so: Einer fragt den andern: Was meinst du, wächst und entwickelt sich der Mensch von innen nach außen, oder von außen nach innen. Der andere denkt lange nach und sagt dann: Ja, ich denke schon.
Nachdem beide ausreichend gesprochen und gelesen hatten und auch das Publikum sich an der Seite der Dichter fragte, ob denn die Welt nicht nur durch unsere Sprache entstehe, ob wir sie sprechend erschaffen und Herr Karahasan sagte: Ja! Bis auf zwei Ausnahmen: Liebemachen und Malen… nachdem auch diese beiden Ausnahmen überdacht und kommentiert waren, rutschte ich mit Nora und zwei Freunden wieder über das Eis, schwankend auch bei der Beschwerde meinerseits, ich könne mich doch nicht zeitlebens girrt haben, die Welt entstehe doch nicht durch die Sprache, das könne nicht sein. Nora sagte darauf etwas Malerisches über die Kabbala und als wir, abgelenkt von Eis und Kälte, schwiegen, sagte sie: Wie gut, ich hab euch doch noch überzeugen können.
Mitnichten. Aber die Sprache darf sich feiern, sagte mein kluger Freund und gab zu bedenken, es könne doch auch sein, Herr Karahasan habe einfach zu tief ins Glas geschaut, bevor er sich zu solchen Behauptungen aufgeschwungen habe.
Shanghai wendet
Februar 5, 2010 von helgasperlingIch lasse mich also hin und her schieben über die Autobahnen, immer häufiger sind die Fahrer Weltenbummler, Wirtschaftsmatrosen, die in jedem Hafen ein Liebchen haben, die in Krisenzeiten das in Shanghai verdiente Geld anlegen, einen kleinen Bus kaufen und auf eigene Faust die Tour Berlin-Wien und zurück machen, wöchentlich, Mitfahrzentralengelder reinvestieren, in Projekte hier und da, gute Kontakte zum Roten Rathaus, heute spricht Wowereit über den Bau neuer Hotels, gute Kontakte auch in Shanghai, der ehemalige Innenminister von China ist ein guter Freund, übers Rumänische Bauwesen ist er auch informiert, und fährt jetzt die Strecke Berlin-Wien und zurück, gegen Geld. Passagiere: Student, arbeitslose Architektin (vielleicht ein Projekt andenken, sagt Shanghai und lauscht gleichzeitig der GPS-Dame: Bitte wenden. Sie befinden sich in einer Sackgasse. – DU hast recht. Mäuschen, sagt Shanghai und wendet. Jetzt wieder zur Architektin: Ah – sie kennt auch Mark H., dem er in China einen großen Auftrag zugeschoben hat, vielleicht hat Mark nun für immer ausgesorgt, woher er Mark kennt? – Mitfahrgelegenheit.), uf der hinteren Bank außerdem ein Mädchen aus Wolgograd, Stalingrad, verstehen Sie, ich mache einen Freiweilligendienst in Sachsenhausen, führe da Touristen jetzt habe ich Ferien: Wien. Da war ich noch nie. Der Möbelschlepper, der nach Radeburg muss, sagt: Sachsenhausen, ist das nicht da, wo sie “Arbeit macht frei” geklaut haben. Ja, sagt Shanghai, und sie haben es irgendwo in Polen wieder gefunden, denen ging es nur um Metall. Nichts Politisches.
Alles ist der weiße Zwilling
Januar 5, 2010 von helgasperlingÜberall Frost, weiß die Häuser, die gekalkten Fassaden, der Himmel, die Straße. Europa ist ein Papier nur die Telefonkabel laufen wie Tintenspuren von einem Ende zum anderen. Berlin-Bukarest. Morgens gehen wir zum Briefkasten und finden Neujahrsgrüße, wir telefonieren. Gestern war Nora Iugas Geburtstag, heute wurden Intrigen gesponnen, ein Guru ist gestorben, ich gehe zur Post und kaufe Briefmarken. Das Papier wellt sich und von der aufgestellten Welle, auf der ich stehe, sehe ich eine andere Welle näher kommen, darauf steht Svetlana und winkt. Wir stehen in demselben Weiß, binden uns Skier an die Füße, sausen an der Spree entlang, an der Dimbovita.
Wenn der Schnee taut, überkommt uns Melancholie und wie starren dieses Dürerbild an, auf dem sitzt im getuschten Dämmer ein Engel und ekelt sich vor den praktischen Gegenständen und fürchtet sich vor dem schnellen Lauf der Zeit und vom Horizont kommt der Dämon, die Melancholie und lässt ihn erstarren. Er hat nicht einmal Heimweh. Er liest nicht, die Pläne sind Schlamm.
Nora Iuga hatte gestern Geburtstag und sieht aus dem Fenster und sagt, sie fühlt sich wie auf dem Kilimantscharo, so umgeben von Schnee. Ich fühle mich wie nirgendwo. Aber alles ist weiß, alles ist der Zwilling von allem.
Schnee und Alter
Dezember 13, 2009 von helgasperlingIn Dresden angekommen, beginnt es zu schneien. Die Jungs aus dem Erzgebirge torkeln mit verwischtem Blick in eine unbestimmte Richtung – heimwärts, zum Bahnhof. Ausschlafen, wo der Schnee schon meterhoch liegt, in Freiberg oder Annaberg. Andere sind schon wieder aufgestrauchelt, gebügelte Hosen, tragen Stollenpakete zu den Verwandten, Besuch mit Kindern, Großeltern. Eine achtzigjährige Frau ist per Mitfahrgelegenheit von Berlin nach Dresden gefahren und hat den Studenten, die sich mit ihr auf die Rückbank drängten die Lebensgeschichte ihrer Enkel erzählt. Als sie ausstieg, hielt ein Student eine Rede über alte Leute und vergnügliches Altwerden und alle waren sich einig, dass die alte Frau mehr Mut hatte als sie alle zusammen.
Als ich den Tagesspiegel aufschlug, den ich aus Berlin mitgebracht hatte, las ich, dass Werner Söllner sich selbst als IM der rumänischen Securitate bezichtigt hatte. Jetzt werden sie sich alle auf ihn stürzen, auf den kleinen, bösen, arroganten Fisch. Die großen Fische verfassen hingegen nach wie vor gegenseitige Lobeshymnen, so sagt der Volksmund.
Bukarest Titan
August 4, 2009 von helgasperlingIn diesem östlichen Viertel Bukarests stehen die hohen sozialistischen Wohnblocks der Siebziger Jahre. Wir gehen lang stadteinwärts, Richtung Balta Alba, Weißer See. Der Name klingt heiter, er kommt aber von einer nicht mehr sichtbaren, großen Grube, in die man im vorletzten Jahrhundert die Pesttoten warf und mit Löschkalk bedeckte. Ein weißer Kalk- und Toten-See, aus dem jetzt betonhelle Blocks aufragen. Aber es gibt auch einen wirklichen Teich, den Lacul Titan, eine sozialistische Anlage, nackte Landschaft. Die grasbewachsene Fläche und der See haben das Titan-Viertel zu einem Juwel des Goldenen Zeitalters werden lassen, modern und schön. Auf den betonierten Alleen zwischen den Rasenabschnitten klappern unsere Absätze, die schmalen Kastanienbäume rascheln mit mottenzerschürften Blättern, Blumenbeete erstarren in geometrischen Mustern, rot, violett auf trockengrauer, aufgekratzter Erde. Der karge Rasen und die Spielplätze und Kioske mit Erfrischungen sehen hoffnungslos aus und sind trotzdem eine Art Oase im Wohnghetto des Optikwerks. Dann stoßen wir auf einen eine Holzkirche. Ich sehe, dass sie den uralten, dunklen Bauten aus rohen Stämmen ähnlich ist, wie sie in der nordrumänischen Maramuresch-Region stehen. Aber diese Holzkirche in der Senke des Seeufers ist neu. Von 1996. Ist die manische Nostalgie der Bukarester? Ihr Hang zu einer traumartigen Verklärung einer Vergangenheit, in der Rumänien noch nicht zerbrochen ist. Am Titan-See hat der Kirchengründer der hölzernen Mariä-Verkündigung seinen Seelsorger-Ideen jedenfalls ein Haus gebaut, das aus vielbesungenen Maramures-Gegend zu kommen scheint, ein freundliches Holz-Fantom, gegen das die leeren Grasflächen des Wohngetthoparks anzittern.
Bukarest-Sighisoara
Juli 30, 2009 von helgasperlingAn einem freien Wochenende fuhr ich von Bukarest in die siebenbürgische Stadt Sighisoara, Schäßburg nannten es die Siebenbürger Sachsen. Ich fuhr durch die Karpaten. Es wurde kühl im Zug. Die Mitreisenden zeigten sich aufgeregt die Berggipfel, die Omul hießen oder Babele. Mensch und zauberische Altweiber. Ich kannte mich nicht aus. Dann, auf der anderen Seite der Berge, im Trans-Silva-Land, flirrte die Hitze wieder über kornblassen und weidegrünen Hügeln. Durch die geöffneten Fenster des Abteils drang nach Heu duftende Sommerluft. Schäßburg drehte sich langsam in der Kurve des Zuges. Es zeigte sich von allen Seiten wie ein liebreizendes Spielzeugpanorama, kegelförmig, obenauf eine Burg und ein Kirchturm, verborgen in hellen Baumwipfeln.
Als ich ausstieg und das Rattern des Zuges sich entfernt hatte, nahm ich die schläfrige Stille wahr, den Sandstein der Fassaden, der beruhigende Wärme abstrahlte. Ich stieg auf den Kirchenhügel, kam außer Atem auf dem Treppengang durch die Bögen der alten Stadtmauer, die Unterstadt und Oberstadt trennte, sich steinern um Kirche, Schule und das alte Zentrum legte. Ich lehnte mich an ihre Brüstung, sah die Ziegelfleckigen Dächer und schattigen Höfe, weiter außen lagen die Wohnblocks, dann begann wieder das Sommergrün, die Wälder. Ich las auf dem Kirchturm die Uhrzeit ab, wartete nicht auf den Ablauf der Spieluhr, die in meinem Reiseführer empfohlen wurde, streunte unter den Kastanien über den deutschen Friedhof am Abhang. Dort zwischen den vertrauten Namen schlich es sich schon ein, eine unbenennbare Rührung und Verwirrung, so weit entfernt von Deutschland auf etwas mir endlich Verständliches zu stoßen. Als ich die Kirche betrat, die deutschen Gesangbücher sah, über dem Eingang in meiner Sprache las „Gott segne dich“, glaubte ich plötzlich das brennende Heimweh der im 12. Jahrhundert hierher ausgewanderten Deutschen zu spüren. Ich wusste damals nichts über die Siebenbürger, ich erfand sie in diesem Moment. Ich wusste nichts über ihr Verhältnis zu ihren Gebieten und ihrer Herkunft. Ich hatte nie über nationale Identität nachgedacht. Ich wusste nichts über ihre. Hier in der Lichtdurchschäumten Kirche erfand ich eine waghalsige Verbindung zwischen ihnen und mir.
Im nächsten Moment war es wieder anders – es kam mir vor, als wäre ich in einem unwirklichen Deutschland, an dem wie in einem schönen Traum alle Schrecken der Geschichte vorübergegangen waren, Deutschland ohne „Deutschland“, jenseits aller geschichtlichen und geografischen Zusammenhänge, ohne Scham und Verlorenheit. In Unkenntnis der Geschichte dieser Stadt glaubte ich einen erlösten Ort betreten zu haben, der Zweite Weltkrieg war an diesem Augenblicks-Land vorübergegangen. War ohne Krieg, ohne Schuld und Zerstörung ein als Heimat erkennbarer Ort im Trans-Silva-Land. So kam mir Schäßburg vor, als ich, sonst wie ohne Nation, in der sonnenwarmen Kirche dachte, ich sei vermeintlich nach Hause gekommen. Heil und nostalgiegesüßt. Zweifellos deutsch wollte es mit seinen Inschriften, den deutschen Giebeln und Kirchturmbauten gegen das jenseits der Stadtmauer befindliche Fremde standhalten, abseits des deutschen Tabus alles Deutschen, mit einer heimeligen, jedenfalls fotogenen Verwitterung. Und meine Synapsen verschalteten sich in diesem nebulösen Irrtum blitzartig: Hier sah es nach Märchen-Kindheit aus, nach Märchenbilderbuch. Die Synapsen missverstanden sich, plötzlich stand ich da und hatte mich und Rumänien Kinderverfilmt. Ich schaute glücklich und gerührt in den Himmel, während über den Wolken Düsenjäger Richtung Süden jagten. Donnernd durchbrachen sie die Schallmauer.
Good morning, Bukarest
Juli 12, 2009 von helgasperlingAuf dem Gasherd schäumt der morgendliche Kaffee. Achter Stock in der Calea Mosilor, mitten in Bukarest. Aus dem Küchenfenster sehe ich in die Höfe hinter den Blocks. Müll. Ein ganzes Terrain bunt übersäht mit Plastik, alten Töpfen, Rohren. Dann langsam wie in einem Hologramm scheint in dem Durcheinander ein anderes Bild durch. Der Müll ordnet sich bei längerem Hinsehen. Schüsseln, Planen separieren sich, ein Weg ist erkennbar. Ein Pfad, der – jetzt sehe ich es – zu einem Bretterverschlag führt. Rauch steigt auf. Eine vermummte Gestalt kommt mit einer Tasse Kaffe heraus. Bunte Plastikkleidung, die Mütze ins Gesicht gezogen. Am anderen Ende des Grundstücks, des Müllgartens, sitzt auf einem Stuhl, kaum auszumachen zwischen all den aufgehäuften Gegenständen, eine zweite Gestalt und flickt etwas mit einem Draht. Der Müll wird verwaltet, acht Stockwerke unter mir leben zwei Leute im ruhigen Rhythmus des Abfalls. Hunde bellen, ihre Wachhunde. Die beiden Menschen stecken sich eine Zigarette an, Frühstückspause.
Bukarest unwegbar
Juli 1, 2009 von helgasperlingIch hangele mich durch die Stadt zu Lianas Wohnung und beobachte dann, auf dem Balkon stehend, noch angegriffen vom Lärm der Metro, den zum Obormarkt aufwärts stürzenden Verkehr auf der Calea Mosilor. Jeden Tag anderes, das angeschwemmt wird. Autoscheinwerfer wie glimmende Zigaretten, Taschenlampensignale. Lastwägen mit winkenden Planen, in der Dämmerung unsichtbare Wolken von Sand und Schutt hinter sich stäubend. Menschen vereinzelt, die zu den Kiosken gehen, zur Metrostation, vom Büro zur Wohnung. Ein wolldunkler, beweglicher Saum am Straßenrand. Die Fernseher im Block gegenüber werden angeschaltet. Silhouetten von Menschen fallen in den bläulichen Schimmer der Apparate.
Am Telefon verabrede ich mich für den nächsten Tag mit Cezars Cousin. Das Gerät ist jetzt nicht mehr wie noch vor zehn Jahren an das des Nachbarn im nächst tieferen Stockwerk gekoppelt, so dass man oft ungewollt gegenseitig die fremden Gespräche mithören musste. Nicht einmal eine Maßnahme des Diktators, sondern nur ein Handwerkerfehler und dann technisch ungelöst bis in die Neunziger.
Immer noch unwegbar ist aber das Netz der öffentlichen Verkehrsmittel. Am Morgen nehme ich die Straßenbahn, um zur verabredeten Stelle zu kommen. Die Bahn schüttelt sich in den verbogenen Schienen, alle Fenster und Türen scheppern. Plötzlich biegt sie unvermutet ins Depot ab. Die Passagiere werden in eine aufgerissene Asphaltlandschaft entlassen. Sie zerstreuen sich rasch. Ich nehme die Metro an der Station Dristor 2, ein unterirdisches Trassenkreuz, in dessen verlorenen Gängen und überhohen Hallen ein Gittarist die 70er-Jahre-Rocksongs der rumänischen Gruppe Phoenix spielt. Und Aus dem drei Stationen weiter liegenden Kinderheim Nummer 4 kommende Jungen und Mädchen warten mit Plastiktüten voll geschwärzten Klebstoffs benebelt auf den nächsten Metrozug.