Bukarest Titan

August 4, 2009 von helgasperling

 In diesem östlichen Viertel Bukarests stehen die hohen sozialistischen Wohnblocks der Siebziger Jahre. Wir gehen lang stadteinwärts, Richtung Balta Alba, Weißer See. Der Name klingt heiter, er kommt aber von einer nicht mehr sichtbaren, großen Grube, in die man im vorletzten Jahrhundert die Pesttoten warf und mit Löschkalk bedeckte. Ein weißer Kalk- und Toten-See, aus dem jetzt betonhelle Blocks aufragen. Aber es gibt auch einen wirklichen Teich, den Lacul Titan, eine sozialistische Anlage, nackte Landschaft. Die grasbewachsene Fläche und der See haben das Titan-Viertel zu einem Juwel des Goldenen Zeitalters werden lassen, modern und schön. Auf den betonierten Alleen zwischen den Rasenabschnitten klappern unsere Absätze, die schmalen Kastanienbäume rascheln mit mottenzerschürften Blättern, Blumenbeete erstarren in geometrischen Mustern, rot, violett auf trockengrauer, aufgekratzter Erde. Der karge Rasen und die Spielplätze und Kioske mit Erfrischungen sehen hoffnungslos aus und sind trotzdem eine Art Oase im Wohnghetto des Optikwerks. Dann stoßen wir auf einen eine Holzkirche. Ich sehe, dass sie den uralten, dunklen Bauten aus rohen Stämmen ähnlich ist, wie sie in der nordrumänischen Maramuresch-Region stehen. Aber diese Holzkirche in der Senke des Seeufers ist neu. Von 1996. Ist die manische Nostalgie der Bukarester? Ihr Hang zu einer traumartigen Verklärung einer Vergangenheit, in der Rumänien noch nicht zerbrochen ist. Am Titan-See hat der Kirchengründer der hölzernen Mariä-Verkündigung seinen Seelsorger-Ideen jedenfalls ein Haus gebaut, das aus vielbesungenen Maramures-Gegend  zu kommen scheint, ein freundliches Holz-Fantom, gegen das die leeren Grasflächen des Wohngetthoparks anzittern.

Bukarest-Sighisoara

Juli 30, 2009 von helgasperling

An einem freien Wochenende fuhr ich von Bukarest in die siebenbürgische Stadt Sighisoara, Schäßburg nannten es die Siebenbürger Sachsen. Ich fuhr durch die Karpaten. Es wurde kühl im Zug. Die Mitreisenden zeigten sich aufgeregt die Berggipfel, die Omul hießen oder Babele. Mensch und zauberische Altweiber. Ich kannte mich nicht aus. Dann, auf der anderen Seite der Berge, im Trans-Silva-Land, flirrte die Hitze wieder über kornblassen und weidegrünen Hügeln. Durch die geöffneten Fenster des Abteils drang nach Heu duftende Sommerluft. Schäßburg drehte sich langsam in der Kurve des Zuges. Es zeigte sich von allen Seiten wie ein liebreizendes Spielzeugpanorama, kegelförmig, obenauf eine Burg und ein Kirchturm, verborgen in hellen Baumwipfeln.

Als ich ausstieg und das Rattern des Zuges sich entfernt hatte, nahm ich die schläfrige Stille wahr, den Sandstein der Fassaden, der beruhigende Wärme abstrahlte. Ich stieg auf den Kirchenhügel, kam außer Atem auf dem Treppengang durch die Bögen der alten Stadtmauer, die Unterstadt und Oberstadt trennte, sich steinern um Kirche, Schule und das alte Zentrum legte. Ich lehnte mich an ihre Brüstung, sah die Ziegelfleckigen  Dächer und schattigen Höfe, weiter außen lagen die Wohnblocks, dann begann wieder das Sommergrün, die Wälder. Ich las auf dem Kirchturm die Uhrzeit ab, wartete nicht auf den Ablauf der Spieluhr, die in meinem Reiseführer empfohlen wurde, streunte unter den Kastanien über den deutschen Friedhof am Abhang. Dort zwischen den vertrauten Namen schlich es sich schon ein, eine unbenennbare Rührung und Verwirrung, so weit entfernt von Deutschland auf etwas mir endlich Verständliches zu stoßen. Als ich die Kirche betrat, die deutschen Gesangbücher sah, über dem Eingang in meiner Sprache las „Gott segne dich“, glaubte ich plötzlich das brennende Heimweh der im 12. Jahrhundert hierher ausgewanderten Deutschen zu spüren. Ich wusste damals nichts über die Siebenbürger, ich erfand sie in diesem Moment. Ich wusste nichts über ihr Verhältnis zu ihren Gebieten und ihrer Herkunft. Ich hatte nie über nationale Identität nachgedacht. Ich wusste nichts über ihre. Hier in der Lichtdurchschäumten Kirche erfand ich eine waghalsige Verbindung zwischen ihnen und mir.

Im nächsten Moment war es wieder anders – es kam mir vor, als wäre ich in einem unwirklichen Deutschland, an dem wie in einem schönen Traum alle Schrecken der Geschichte vorübergegangen waren, Deutschland ohne „Deutschland“, jenseits aller geschichtlichen und geografischen Zusammenhänge, ohne Scham und Verlorenheit. In Unkenntnis der Geschichte dieser Stadt glaubte ich einen erlösten Ort betreten zu haben, der Zweite Weltkrieg war an diesem Augenblicks-Land vorübergegangen. War ohne Krieg, ohne Schuld und Zerstörung ein als Heimat erkennbarer Ort im Trans-Silva-Land. So kam mir Schäßburg vor, als ich, sonst wie ohne Nation, in der sonnenwarmen Kirche dachte, ich sei vermeintlich nach Hause gekommen. Heil und nostalgiegesüßt. Zweifellos deutsch wollte es mit seinen Inschriften, den deutschen Giebeln und Kirchturmbauten gegen das jenseits der Stadtmauer befindliche Fremde standhalten, abseits des deutschen Tabus alles Deutschen, mit einer heimeligen, jedenfalls fotogenen Verwitterung. Und meine Synapsen verschalteten sich in diesem nebulösen Irrtum blitzartig: Hier sah es nach Märchen-Kindheit aus, nach Märchenbilderbuch. Die Synapsen missverstanden sich, plötzlich stand ich da und hatte mich und Rumänien Kinderverfilmt. Ich schaute glücklich und gerührt in den Himmel, während über den Wolken Düsenjäger Richtung Süden jagten. Donnernd durchbrachen sie die Schallmauer. 

Good morning, Bukarest

Juli 12, 2009 von helgasperling

Auf dem Gasherd schäumt der morgendliche Kaffee. Achter Stock in der Calea Mosilor, mitten in Bukarest. Aus dem Küchenfenster sehe ich in die Höfe hinter den Blocks. Müll. Ein ganzes Terrain bunt übersäht mit Plastik, alten Töpfen, Rohren. Dann langsam wie in einem Hologramm scheint in dem Durcheinander ein anderes Bild durch. Der Müll ordnet sich bei längerem Hinsehen. Schüsseln, Planen separieren sich, ein Weg ist erkennbar. Ein Pfad, der – jetzt sehe ich es – zu einem Bretterverschlag führt. Rauch steigt auf. Eine vermummte Gestalt kommt mit einer Tasse Kaffe heraus. Bunte Plastikkleidung, die Mütze ins Gesicht gezogen. Am anderen Ende des Grundstücks, des Müllgartens, sitzt auf einem Stuhl, kaum auszumachen zwischen all den aufgehäuften Gegenständen, eine zweite Gestalt und flickt etwas mit einem Draht. Der Müll wird verwaltet, acht Stockwerke unter mir leben zwei Leute im ruhigen Rhythmus des Abfalls. Hunde bellen, ihre Wachhunde. Die beiden Menschen stecken sich eine Zigarette an, Frühstückspause.

Bukarest unwegbar

Juli 1, 2009 von helgasperling

Ich hangele mich durch die Stadt zu Lianas Wohnung und beobachte dann, auf dem Balkon stehend, noch angegriffen vom Lärm der Metro, den zum Obormarkt aufwärts stürzenden Verkehr auf der Calea Mosilor. Jeden Tag anderes, das angeschwemmt wird. Autoscheinwerfer wie glimmende Zigaretten, Taschenlampensignale. Lastwägen mit winkenden Planen, in der Dämmerung unsichtbare Wolken von Sand und Schutt hinter sich stäubend. Menschen vereinzelt, die zu den Kiosken gehen, zur Metrostation, vom Büro zur Wohnung. Ein wolldunkler, beweglicher Saum am Straßenrand. Die Fernseher im Block gegenüber werden angeschaltet. Silhouetten von Menschen fallen in den bläulichen Schimmer der Apparate.

Am Telefon verabrede ich mich für den nächsten Tag mit Cezars Cousin. Das Gerät ist jetzt nicht mehr wie noch vor zehn Jahren an das des Nachbarn im nächst tieferen Stockwerk gekoppelt, so dass man oft ungewollt gegenseitig die fremden Gespräche mithören musste. Nicht einmal eine Maßnahme des Diktators, sondern nur ein Handwerkerfehler und dann technisch ungelöst bis in die Neunziger.

            Immer noch unwegbar ist aber das Netz der öffentlichen Verkehrsmittel. Am Morgen nehme ich die Straßenbahn, um zur verabredeten Stelle zu kommen. Die Bahn schüttelt sich in den verbogenen Schienen, alle Fenster und Türen scheppern. Plötzlich biegt sie unvermutet ins Depot ab. Die Passagiere werden in eine aufgerissene Asphaltlandschaft entlassen. Sie zerstreuen sich rasch. Ich nehme die Metro an der Station Dristor 2, ein unterirdisches Trassenkreuz, in dessen verlorenen Gängen und überhohen Hallen ein Gittarist die 70er-Jahre-Rocksongs der rumänischen Gruppe Phoenix spielt. Und Aus dem drei Stationen weiter liegenden Kinderheim Nummer 4 kommende Jungen und Mädchen warten mit Plastiktüten voll geschwärzten Klebstoffs benebelt auf den nächsten Metrozug.

Greifswalder mit Star

April 12, 2009 von helgasperling

Ich bin auf dem Friedhof an der Greifswalder Straße. Alles ist wie Naturlyrik, das Gras, diese violetten Lippenblütler, so heißen sie wohl, die Birken in Reihen. Auf der Lehne der Bank landet eine Kohlmeise, sie scheint viel vor zu haben, aber sie hat Zeit mir einen langen Blick zuzuwerfen und ich denke wie meine Oma, dass sie etwas herzerweichendes hat, weil sie freundlich ist und tut was sie will. Ein Star mit schimmerndem Gefieder läuft durchs Gras und sucht Würmer. Auf der anderen Seite geht eine Taube mit langen Schritten zwischen den Gräbern herum. Eine dicke Frau bückt sich eine Ewigkeit lang und richtet sich gar nicht mehr auf, sie gießt und jätet. Eine Familie picknickt, das kommt mir zweifelhaft vor, weil ich an einem Grab vorbei gegangen bin, das auch ein Familienort ist und das Picknick einen Moment lang undenkbar macht –  zwischen den  Efeublättern steht ein Segelschiff mit vielen Masten und echten Segeln aus Leinen, an den Ecken des Grabs stehen Piratenflaggen, ein kleiner Kapitän liegt hier. Es ist wirklich beruhigender die ordentlich beschnittenen Buchsbäume anzusehen, die ein Grab mit Primeln und Tulpen einrahmen, an einen „treuen Gatten“ erinnern.

Hier leben viele Tiere, Eichhörnchen und Vögel. In meinem Hinterhof leben zwei Elstern in einer großen Linde. Die Elstern fressen den Kuchen, der auf dem Balkon der Nachbarn steht. Sie fressen auch das Hundefutter seines Dackesl, die Bohnen, die auskühlen sollen, einen Keks, sie pflücken Jasminblüten aus den Blumentöpfen und werfen Tassen um. Der Nachbar stellt die Bohnen und die Kekse heraus und sagt, dass die Hausgeister auf seinem Balkon zu Abend essen. 

Hedwig und der Luxus

März 31, 2009 von helgasperling

Das Rumänische Kulturinstitut ist ja auch ein Märchenschloss. Aufwärts gesehen vom kleinen See, in dem ich im Regen auf einer Bank sitze und darüber nachdenke, dass esotherische Prediger behaupten, man könne durch Gedankenkraft alles aus sich machen. Ich denke sehr stark an mein zukünftiges Leben in einer dieser Villen mit Seeblick und daran, dass Hedwig Courths-Mahler es schließlich auch geschafft hat vom misshandelten Prostituiertenkinddasein in ein Haus am Tegernsee. Es beginnt zu hageln, der rumänische Schriftsteller, der im Rumänischen Kulturinstitut aus seinem Buch vorliest, sieht aus dem Fenster und sagt, dass ihm die Zwerge aus den Karpaten Zeichen geben, sie werfen kleine Eisbrocken, damit er nicht die Hoffnung verliert, weil nur sieben Zuhörer im Saal sind.

Nachdem er fertig vorgelesen hat, servieren die Angestellten des Kulturinstituts guten Weißwein und sehr guten Rotwein aus Rumänien. Wenn so wenig Zuhörer kommen, können sie auch mal die teuren Flaschen köpfen Das Parkett knarrt unter ihren Schritten, die Täfelung knackt, alles ist kostbar und der rumänische Schriftsteller geht draußen eine rauchen. Weil ich so eine Lust auf Luxus habe, fahre ich mit dem Bus nach Hause, damit ich aus dem Busfenster den Kudamm ansehen kann. Ich sehe die Schaufenster mit den schönen Schuhen und Handtaschen und den vielen Lichtern. Hedwig, denke ich, du erzählst Märchen.

„Mein Hund verreckt!“

März 31, 2009 von helgasperling

Die S-Bahn ist sehr voll. Ein Mann hat auf eine Bank seinen Hund gelegt. Er kniet vor dem Gesicht des Hundes und küsst seine Schnauze und weint. Er sagt, dass der Hund vergiftet worden ist von einem Schwein und dass der Hund jetzt verreckt und dass er das nicht erträgt. „Mein Hund verreckt“, sagt er und schluchzt. Alle Leute haben Mitleid und denken an ihre eigenen Probleme. Alle haben sich damit abgefunden, dass der verreckende Hund eine Sitzbank besetzt und sie selbst stehen müssen. Dann steigt eine kleine Frau ein. Sie prügelt sich mit ihren Ellenbogen durch die Menge und ruft gleich: „Ich habe ein Recht auf einen Sitzplatz! Platz da!“ Alles Leute weichen erschrocken zurück. Jetzt steht die kleine Frau vor dem Hund. „Platz da! Runter von meinem Sitz!“ Der weinende Mann wischt sich die Augen und sagt leise: „Er verreckt!“ Die kleine Frau knurrt und schreit und will, dass der Hund ihr Platz macht. Der weinende Mann schreit: „Wenn du es wagst, meinen Hund anzufassen, dann bring ich dich um!“ Die kleine Frau schreit zurück: „Das ist MEIN PLATZ!“ und dann setzt sie sich auf das Hinterteil des Hundes. Der Mann steht auf. Er brüllt: „Ich bring dich um! Verpiss dich! Ich bring dich um, wenn du nicht sofort von meinem Hund runtergehst!“ Die kleine Frau springt auf und schreit: „Ich habe ein Recht auf einen Platz! Macht mir Platz!“ Alle Leute können nicht glauben, was sie sehen. Jemand steht auf und macht der kleinen Frau Platz. Ein Ehepaar lächelt und schüttelt den Kopf. Sowas gibt’s doch nicht. Sie gehen heute Abend Spaghetti essen. Sie lieben sich. Alles ist gut.

 

Emil im Theater

Februar 26, 2009 von helgasperling

Heute Morgen stehe ich mit Eintrittskarte zwischen den Kindern und der Klassenlehrer schaut mich väterlich an, ich wills mir auchsehen: Emil und die Detektive in der Volksbühne. Und ich will auch am großen runden Tisch sitzen und aufgerufen werden, wenns losgeht und will mich auch ein bisschen beschimpfen lassen, dass ich mein Handy noch nicht ausgemacht habe, der Lehrer sammelt alle Handys ein. Meins nicht. Ich bin schon groß und gehöre nicht in seine Klasse. Aber ich gehe auch zum Einführungsvortrag.

Am Lustigsten ist, als der goldene Vorhang Beulen macht. Weil die zwei schlauen Frauen, die jetzt den Vortrag halten wollen, nicht gleich durch ihn hindurchauf die Bühne finden. Sie machen Beulen in den Glitzerstoff. Wir klatschen. Dann kommen sie auf die Bühne mit schönen Mikrofonen. Eine sagt, dass jetzt gleich Emil und die Detektive kommt. Danach redet nur noch die andere. Sie sagt, dass der heutige Abend nach einem Buch so heißt. Wir finden es alle blöd, dass sie „Abend“ sagt, weil es morgens ist. Dann sagt sie, dass in der Volksbühne keine Einzueinsübersetzungen zu sehen sind. Wir wissen nicht was das sein soll, es klingt wie Mathe und andere nicht so schöne Fächer. Uns gefällt auch nicht, dass sie die Frage „Warum spielt Emil die Hauptrolle?“ nicht gut beantworten kann. Sie sagt, dass kommt daher, dass ihm 140 Mark geklaut worden sind. Wir wollten eine tiefgründigere Erklärung. Uns gefällt auch nicht, dass sie das doppelte Lottchen nicht so gut kennt. Darüber hätten wir uns gerne mit ihr  unterhalten. Dann sagt sie: Am heutigen Abend werden echte Kinder mitspielen. Wir verstehen nicht, was sie damit sagen möchte. Es klingt so, als würde auch ein echter Hund mitspielen. Und sie sagt mehrmals, dass düstere Gestalten zu sehen sein werden. Wie im echten Berlin. Wir könnten auch alle Straßen, die im Stück erwähnt werden im echten Berlin abgehen. Wir haben den Eindruck, dass sie jetzt gerne im echten Berlin wäre und nicht im Theater. Aber wir lassen uns nicht irritieren, weil sie uns außer echten Kindern auch echte Maschinenpistolen und eine echte  Autorverfolgungsjagd versprochen hat. Danach ist es wieder lustig, weil sie und die andere Frau nicht gleich den Schlitz im Vorhang finden und in ihm herumwühlen, bis sie endlich durch kommen. Wir klatschen wieder.

Danach sehen wir das Stück an. Es ist mit echten Kindern, die gegen unechte Erwachsene kämpfen und sie verfolgen. Einmal kommt ein blaues Auto, danach ein verbeultes Taxi auf die Bühne, beide fahren sehr schnell an die Rampe und dann sehr schnell rückwärts wieder weg. Das ist schön. Mehrmals kommen auch schöne Frauen und schöne Mädchen vor. Das finden wir gut. Wir finden nicht gut, wenn die schönen Frauen von den düsteren Gestalten geküsst werden. Aber auch nicht, wenn die schönen Frauen auf den Boden spucken.

Nach dem Theater kaufe ich mir eine Brezel, weil ich auch gerne eine Brezel essen möchte wie die Schulkinder. 

Es beginnt zu hageln. Das war ein schöner Vormittag.

Penner halten Reden

Februar 14, 2009 von helgasperling

Die Postbeamten wollen den Penner aussperren. Vielleicht weil er nicht gut riecht. Der Penner wohnt neben den Bankautomaten unter den Postfächern. Er schläft auf dem Sims am Fenster. Zum Einschlafen stützt er sich auf den Tisch, an dem die Leute Paketzettel ausfüllen und schnell Geburtstagspostkarten schreiben. Das Einschlafen an dem Tisch dauert länger als das Einschlafen in einem Bett und es bedeutet, dass der Penner langsam einknickt. Heute ist er aber ausgesperrt. Ich mache mir Sorgen. Aber da schläft er heute einfach zwei Straßen weiter in der Sparkasse. Auswärts. Ich erkenne ihn an den eingeknickten Beinen. Er redet nie, nachts nicht und tags nicht. Er hält keine Reden über die Apokalypse, über Nazis, die Ernährungsindustrie oder den Klimawandel. Er knickt nur einfach ein.

Im Plus gibt es einen großen Redner. Er lebt auf einer kleinen Insel aus Plastiktüten und Papier. Er liegt immer auf dieser Matte aus bunten Fetzen und kommentiert die Einkaufstaschen, die an ihm vorbei schweben. Er sagt zum Schluss immer freundlich: „Guten Appetit“.

Und es gibt auch einen, der im Foyer der Deutschen Bank schläft und morgens zu allen sagt: Ich segne euch und euer Geld. 

 

 

 

 

Berlin 7 Uhr

Februar 13, 2009 von helgasperling

Um sieben Uhr morgens ist im Prenzlauerberg alles ruhig. Die Kulturwelt mit ihrem Leben voller Accesoires und süßer Läden schlummert. Ich komme aus der Haustür, im selben Moment geht eine Mutter mit einem Schulkind an mir vorbei. Fast jeden Morgen derselbe bedeutungslose Zufall. Sie sind wie gute Kollegen. Sie wundern sich über den Schnee oder die Kälte oder die jeweilige Witterung und schütteln dazu mit dem ersten schwarzen Humor des Tages den Kopf. Kinder sind unterwegs. Kinder und Arbeitslose, meine Nachbarin auf dem Weg Richtung Amt oder Fortbildung. Leute, die erzogen werden müssen. In der Winsstraße ist ein Erdgeschossfenster hell, ein Kindergarten. Ein dünner Junge im Streifenpulli ordnet Spielzeugautos auf einem Teppich an und fährt mit ihnen schöne Kurven. Schon so viel Ordnungswillen um diese Uhrzeit. An anderen Tagen verspäte ich mich um ein paar Minuten. Wenn ich durchs Fenster sehe, steht der Junge schon mit anderen Kindern vor seinem Fuhrpark und diskutiert, fachmännisch. Planerisch. Ab der Greifswalder Straße ist es anders. Hier gehen die Leute über die Straße. An der Ampel dann der graue dünne Mann, der müde geradeaus guckt, und dann der Sonnenaufgang über den Bahngleisen. Schnee pulvert, Pfützen sind gefroren, die Kinder fahren mit dem Fahrrad über die schwarze Fläche und es knackt. Storkower Straße. Am Polizeigebäude biege ich ein, sozialistischer Winter garniert mit Geschäftstüchtigkeit: Bosch, Dänisches Bettenlager und dahinter in einer Sackgasse kleine leer stehende Baracken, ausgeräumt, früher ging hier jemand zur Arbeit und im Sommer, nach Feierabend, wurde unter Kollegen gegrillt. Der Grillrost steht jetzt im Gestrüpp, auch verlassen. In der Kantine des Polizeigebäudes sitzen alte Leute aus den Blocks auf der anderen Seite der Kniprodestraße, die aussieht wie eine sowjetische Allee. Die alten Leute haben nicht mehr genug Müdigkeit und frühstücken. Sie ziehen die Mäntel aus und lassen ihre Pelzkappen auf. So ist es feiner. Die alte Frau legt dem alten Mann  den Schal um, dann gehen sie wieder nach Hause. Der Polizist mit den zwei Sternchen auf der Schulter setzt sich an den reservierten Tisch neben der Theke. Er macht einen Witz für die Kassiererin. Danach geht er an die Arbeit. Der Tag beginnt. Acht Uhr. Die Polizeikantine riecht nicht schlecht.