An meinem ersten Morgen in Chisinau hat es plötzlich Alarm gegeben. Immer schon denke ich beim Heulen von Sirenen zu allererst an Fliegeralarm. Es ist keiner, das höre ich. Meine Großmutter hat mir eingeschärft, wie er klingt: Wiju-wiju-wiju, ohne Pause. In Deutschland sind während meines ganzen Lebens noch keine Bomben gefallen. (Vor wie vielen anderen Dingen bin ich hingegen ungewarnt geblieben.) Jetzt, auf der engen, schlammigen Straße in Chisinau, bilde ich mir ein, dass die Menschen um mich herum, ohne im Gehen anzuhalten, verstohlen in den Himmel sehen. Wie ich. Kommen Flugzeuge?

Constantin sagt, es war Erdbebenalarm. Den kenne weder ich, noch hat meine Großmutter je davon gehört. Die anderen Leute auf der Straße haben ihn auch nicht richtig erkannt. Keiner hat sich in einen Türbogen gestellt. Constantin sagt, dass der Bürgermeister Erdbebenalarm gegeben hat, weil das Erdbeben von Fukushima Gottes Strafe für die öffentliche Akzeptanz der Homosexualität in Japan war. Und damit das Volk der Republik Moldau sich darüber klar wird, was Gott tut, wenn sie die Schwulen dulden, hat er sie am Donnerstag Morgen daran erinnert.

Eine moldauische Schlagersängerin soll im Fernsehen Reklame für ihr Land machen. Sie soll nicht sagen: “Ich liebe die Republik Moldau”, sondern geheimnisvoller: “Ich liebe sie.” Sie soll erfinden warum, zum Beispiel: “Sie riecht gut, sie ist wunderschön…”. Die Schlagersängerin weigert sich. Man könnte doch glauben, sie sei homosexuell, wenn man sie so im Fernsehen reden hört. Constantin lacht. Er hat auch im Fernsehen Reklame für sein Land gemacht: “Ich liebe sie, weil sie nichts von mir will, und ich nichts von ihr!”